PfeilHead item3 item2 item1 Anmelden Zeiten Menschen Zeiten Anmelden Menschen

Montag, 21. Juli 2008

schau-spielen

Louis Defèche

junger Schauspieler und Regisseur, berichtet aus seiner experimentellen Forschung zur Frage nach dem Wesen des ›Schau-spielens‹.

Ich habe beobachten können, wie der Impuls des Bühnenereignisses rein aus dem Willen entsteht. Das heisst aus dem ›Gehen‹. Nicht aus Gefühlen und Gedanken, die erst in Folge auftreten. Nicht dass Gedanken und Gefühle auf der Bühne nichts zu suchen hätten, aber sie können erst auf der Bühne leben, wenn sie aus reinen Willensimpulsen hervorgehen. Der vor der Bühne sitzende Zuschauer will etwas fühlen und verstehen, aber dieses Verstehen und dieses Fühlen muss als Konsequenz der Willensprozesse erscheinen. Dann wirken Verstehen und Fühlen eigentlich, weil sie nicht nur als Gefühle oder Gedanken auftreten, sondern als Kraft. Ich möchte sagen: die Kraft einer Gedankenform, die Kraft eines lebendigen Gefühls. Sonst muss sich der Zuschauer immer bemühen, in das Bühnenereignis hinein zu kommen, und wird dabei eher Kräfte verlieren statt Kräfte zu bekommen.

Die andere Seite ist die Erzählung, die Bilder, die man zeigen möchte, die man sehen, verstehen, miterleben möchte. Aber diese können nur echt auf der Bühne leben, wenn die angedeutete Grundlage als inneres Verständnis beim Schauspieler da ist, dass alles aus ›Willensstoff‹, aus ›Geh-Impulsen‹ gestaltet sein soll.

Was mich überrascht hat ist, dass die Schauspieler oft versuchen, Gefühle zu schaffen oder Gedanken mitzuteilen. Während das überhaupt nicht das Wichtigste ist. Auch habe ich beobachten können, wie der Zuschauer durch echtes Schauspielen belebt und erweckt wird, indem Kräfte von der Bühne zu ihm herabfließen, und wie er dagegen eher müde und unaufmerksam wird, wenn zu wenig Wille auf der Bühne lebt.

Es ist vielleicht ein bisschen gewagt, was ich da erzähle, und will unbedingt weiter erforscht werden, doch so stehen meine Gedanken im Moment.

[Text bearbeitet von Philipp Tok | Korrektur Lisbeth]

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

es ist möglicherweise nur eine Frage, in welcher Tradition der Schauspieler steht, und welchen Schwerpunkt er setzt (leicht zu übertragen auf den der das "leitet", führt, von außen baut etc.). Nimmt er seine Seele ernst, seinen Körper, seine Sprache? Ist er übervoll oder leer? Ist der Text vorher da, oder wird er prob iert? Sind Willensimpulse schon Handlungen oder kurz davor? Kieslowski (allerdings Filmer) bot den Schauspielern nur den Text, der gerade dran war. Sie wußten also "nur" was schon geschehen war, nicht was kommen würde. Und dann gab es tatsächlich genaue Handlungsanweisungen, keine gewünschten Emotionen: nimm das Glas vom Tisch, drehe dich zur Tür, bewege dich nicht... Es gibt tatsächlich Theater, dass gefangen nimmt, und schon vorher weiß, was der Zuschauer fühlen wird, verstehen wird. Heute langweilt das, oder ermüdet, wir sind uns einig. Ich würde gerne etwas sehen, was aus diesen Willensimpulsen entsteht. Wo kann ich das? Michael (noch lang nicht fertig)

Anonym hat gesagt…

was ich gerade noch fand:

"der Prozeß selbst, obwohl er bis zu einem gewissen Grad von Konzentration, Vertrauen, von Entblößung und fast Verzweiflung über die eigenen Fähigkeiten abhängt, ist nicht dem Willen unterworfen (Grotowski: armes Theater). "Agieren - was re-agieren bedeutet- heißt, den Prozeß nicht führen, sondern ihn in Relation zur persönlichen Erfahrung setzen und sich führen lassen. Der Prozeß muß uns erfassen. Man muß in diesen Momenten innerlich passiv, aber äußerlich aktiv sein. Die Formulierung, sich zu "überlassen", "nichts zu tun", ist als Stimulanz gemeint". Michael

Benjamin hat gesagt…

Welcher Willensbegriff wird bei Louis bzw. bei Michael (Grotowski) zugrunde gelegt? Je nachdem, welches Menschenbild, welcher Ansatz dahinter steht, sieht die Sache sehr verschieden aus.

Was meint Louis genau mit "Willensstoff", "Geh-Impulsen"? Oder was heisst" bei Grotowski "Der Prozess muss uns erfassen"? Was ist "der Prozess"? Was erfasst uns? Schalte ich den Kopf so weit wie möglich aus und lasse kommen, was auch immer kommt, was in meinen unbewussten Ecken gelagert ist, was durch mich spricht usw? Welche Funktion habe ich dann als Schauspieler? Lasse ich etwas zu, gestalte ich diesen Prozess, oder ...? Wo bin Ich?