Urs Dietler
In einer Reihe von Beitrægen in loser Folge wird Urs Dietler von der ›æsthetischen erfahrung in zeiten des weissen rauschens‹ erzæhlen. Man kœnnte meinen, dass kleine Blickverschiebungen ausreichend wæren, um in den Bereich der æsthetischen Erfahrung zu gelangen, sie sei næmlich latent überall anwesend. Nun ist gerade mit dieser totalen Anwesenheit ein Problem verbunden. Sie scheint næmlich die æsthetischen Erfahrung gleichsam einzupacken und konturlos zu machen. Sie ist also scheinbar da. Jede Verpackung tut so, als wære sie die Verkœrperung der æsthetischen Erfahrung. Hier liegt ein Missverhæltnis vor. Worin dieses Missverhæltnis genauer bestehen kœnnte und welche Interventionen erforderlich wæren, wird von Urs Dietler angegangen.
i. das gehen durch staedte der gegenwart vollzieht sich in raeumen losgeloester beschleunigungen und affichenwechsel. die gemenge von asphalt, hastenden menschen, verglasten buerotuermen und logo-zentrierten busstationen erzeugen erfahrungen, die aesthetisch zu nennen nicht leicht faellt, auch wenn sie es sind. es geht dabei nicht um das fehlende schoene oder das verdeckte natuerliche – beide auch da auffindbar – sondern um einen overflow an fragmentierten eindrücken, der unsere habitate kennzeichnet. die æsthetische erfahrung erscheint gleichsam eingepackt, konturlos. in die differenzen, die æsthetisches aufschliessen, gelangt man durch radikale massnahmen, perspektivenwechsel. langsames rueckwærtsgehen zum beispiel. stunden langes stehen bleiben an einer strassenecke, sprachfetzen auffangend. auch wenn æsthetische erfahrung unhintergehbar ist (als weisses rauschen ist sie permanent), als spezifische verlangt sie einen bewussten vollzug, einen aus der immanenz herausgehobenen reflektierten blickwinkel.
Dienstag, 22. April 2008
rueckwærtsgehen, zum beispiel
Montag, 14. April 2008
Freitag, 29. Februar 2008
Mittwoch, 20. Februar 2008
Verweis
Am 1. Januar eröffnete Johannes Nilo das diesjährige Gespräch mit dem kleinen Text ›Die Æsthetische Erfahrung als Modus der Zivilgesellschaft‹. Inzwischen hat sich der Begriff ›Æsthetische Erfahrung‹ durchgesetzt zum Arbeitstitel der Oktobertage.
Am 17. Januar schaltete sich ein anonymer Kommentator ein und hinterfragte die Buergel-Niloschen Andeutungen. Inzwischen hat sich daraus ein Erkenntnisgespräch mit Burghard Schildt in Form von Kommentaren entwickelt.
Zur Einsicht nutze man den Kommentarlink unter dem Text oder clicke hier.
Samstag, 16. Februar 2008
tun, wozu man die kraft hat
Johannes Nilo
In einem Gespräch wurde Ludwig Wittgenstein ein moralisches Dilemma vorgelegt: Ein Naturforscher muss sich zwischen seinen medizinischen Forschungen und dem Leben mit seiner Frau entscheiden, was soll er tun? Wittgensteins Antwort: ›Hier, können wir sagen, haben wir alle Elemente einer Tragödie; wir können nur sagen: ‹Gott sei mit dir›.‹
Es gibt laut Wittgenstein offensichtlich keine Lösung, kein moralisch Richtiges als Antwort auf dieses klassische moralische Problem. Handelt es sich hier überhaupt um ein moralisches Problem? Eine Tragödie lässt sich nicht philosophisch lösen, sie muss zu Ende gelebt werden. Oder besser zu Ende gespielt werden, da ja die Tragödie eine Kunstform ist, die sich auf einer Bühne austrägt. Um solche Stücke spielen zu können, brauchen wir Kraft. Aber ohne die richtige Sicht auf die Dinge, ohne einen ästhetischen Blick, werden wir nicht die Tragödie gelungen und glücklich zu Ende bringen können. Schicksal braucht Führung.
Man kann also das oben angeführte Dilemma als ein ästhetisches und nicht als ein moralisches Problem deuten.
Mittwoch, 30. Januar 2008
Dienstag, 22. Januar 2008
Geschichte ohne Anfang und Ende
Johannes Nilo
Hat die Geschichte einen Sinn? Wir hätten es gern, aber wie ist es jetzt wirklich? Wenn sie einen Sinn hat, woher nimmt sie oder bekommt sie ihn? Das sind Fragen, die uns unmittelbar angehen, insofern wir die Geschichte nicht als Abstraktum, sondern als eine zutiefst menschliche und deshalb konkrete Angelegenheit auffassen. Stefan Brotbeck zitierte in seinem Eröffnungsvortrag am 3. Oktober 2007 (siehe voriger Post) Rudolf Steiner: ›Die Geschichte hat aufgehört, Sinn zu haben, weil Anfang und Ende weggefallen sind.‹ Wie ist diese Aussage zu verstehen? Auch in den kosmologischen Entwürfen der Neuzeit ist von Anfang und Ende die Rede. Der springende Punkt ist aber, dass der Mensch – im Unterschied zu alten Kosmogonien – in diesen keinen Platz hat. Als Anfang wird hypothetisch der Urnebel und am Ende ebenso hypothetisch der Wärmetod vorgestellt, ein Zustand, wo alles in eine gleichmäßige Wärme aufgegangen und wo der Mensch abgeschmolzen sein wird. Diese so vorgestellte Anfang und Ende haben nichts in sich, was der Geschichte Bedeutung und Sinn verleiht. ›Die Geschichte wird sinnlos. Und der Mensch ist nur nicht mutig genug in unserer Zeit, sich zu gestehen, daß die Geschichte sinnlos ist, sinnlos aus dem Grunde, weil ihm entfallen ist Erdenanfgang und Erdenende.‹
Gerade durch dieses Sinnloswerden kommt die Geschichte in die Lage, eigentlicher zu werden, zu sich zu kommen. Der Mensch wird Subjekt der Geschichte und die Geschichte wird Mensch. Georg Picht hat diesen Vorgang in dem Ereignis vom Tod Gottes, wie es Nietzsche formuliert, gesehen. Es handelt sich um das größte Ereignis der Geschichte der Menschheit überhaupt, weil sie durch dieses Ereignis freigesetzt wird ›eine Geschichte zu sein, in der sich der Mensch als sein eigenes Kunstwerk hervorbringt und so zum Subjekt seiner Geschichte wird. Im strengsten Sinne des Wortes beginnt die Geschichte also erst mit dem Tode Gottes, Geschichte des Menschen zu sein. Deshalb bedeutet Geschichte für Nietzsche nicht die Kunde von dem, was gewesen ist, sondern er versteht die gesamte, auch die bisherige Geschichte aus dem Hinblick auf die zukünftige Geschichte, so wie er umgekehrt auch die zukünftige Geschichte als ewige Wiederkehr des Gleichen interpretiert. Der Tod Gottes ist das größte Ereignis der Geschichte, weil dieses Ereignis dem Menschen die Freiheit gewährt, seine gesamte Geschichte, so wie sie ist und wie sie sein wird, zu Gesicht zu bekommen und das heißt bei Nietzsche: hervorzubringen und zu wollen.‹
In diesem Sinne kann die Fortsetzung der oben angeführten Steiner-Aussage begriffen werden: die Geschichte ›[...] bekommt wiederum einen Sinn, weil ihr dieser Sinn von der Mitte aus gegeben wird.‹ Diese Sinngebung als eine Schöpfung aus dem Nichts zu verstehen, war Stefan Brotbecks Anliegen.

