Samstag, 3. Januar 2009
Donnerstag, 18. Dezember 2008
was ist kunst?
geschichte der kunstphilosophie
und die wissenschaft der zukunft
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29 Abende widmet Joachim Daniel im neuen Jahr der Kunstphilosophie. Im Rahmen seiner mehrjährigen Arbeit bei der Alexander-Stiftung stellte sich die Frage täglich aufs Neue und verband sich mit seinen Studien zur Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. So stellt er die Frage dieses Jahr ins Zentrum seines öffentlichen Philosophiekurses, dem ein Jahr zu den ›Quellen der Anthroposophie in der Philosophie des Abendlandes‹, ein Jahr zur ›Philosophie der Freiheit Rudolf Steiners im Kontext der Philosophiegeschichte‹ und ein Jahr zur ›Philosophie des Mythos‹ vorausging. Sein glänzender Vortragsstil – gedanklich dicht und zugleich anschaulich – richtet sich an ein breites, an konkreter Erkenntnis und vielschichtigem Wissen interessiertes Publikum.
Joachim Daniel
Je übermütiger moderne Künstler mit den Grenzen dessen spielen, was man gewohnt ist Kunst zu nennen, desto mehr drängt sich heute die Frage auf, was man unter Kunst eigentlich versteht. Dies umso mehr als ›Fettecken‹, ›Kunstmaschinen‹, ja ›Noise-art‹ und andere Werke moderner Künstler von vielen Menschen durchaus als Kunst wahrgenommen werden. Noch heute gehen die Meinungen über die Gelungenheit von Kunstwerken oft sehr weit auseinander, da sich religiöse, weltanschauliche, moralische Grundüberzeugungen meistens auf irgendeine Weise mit einem spezifischen Kunstverständnis verbunden haben. Zugleich stand und steht fast alle große Kunst immer in einem tiefen Widerspruch zu den jeweils geltenden politischen, religiösen und weltanschaulichen Verhältnissen. Kündet sie von einem ewigen Reich oder ist sie vielmehr mit der Zeit sich wandelnder Ausdruck jeweiliger Gegenwärtigkeit?
Seit der Zeit der alten Griechen haben Menschen über die Kunst nachgedacht und sind dabei zu den widersprechendsten Ergebnissen gekommen. Vor allen Dingen aber die Frage nach Wert und Bedeutung der Kunst für das übrige menschliche Leben. Die Frage nach ihrer Wahrheit und Verantwortung, spaltet bis heute viele Geister. Das man Kunst auch als einen ganz eigenen Weltzugang für den Erkennenden, ja wissenschaftlichen Menschen verstehen kann, das man mit Goethe gesprochen Wissenschaft wie Kunst betreiben könne, ist dabei ein weitgehend vergessener Zugang zur Kunst. Schon heute zeichnet sich aber ab das die Integration künstlerischen Verhaltens in das was wir gewohnt sind Wissenschaft zu nennen ein immer dringenderes Bedürfnis werden müsste.
Im Kurs wird versucht die Wege abendländischen Denkens über die Kunst – nicht immer chronologisch – nachzugehen. Betrachtungen von Kunstwerken, Museumsbesuche etc. begleiten die Arbeit.
29 Abende 2009, Dienstags 20.15 bis 21 Uhr im Scala Basel:
13., 20., 27. Januar | 3., 10., 17., 24. Februar | 3., 10., 17., 31. März | 21., 28. April | 12., 19., 26. Mai | 16., 23., 30. Juni | 15. September | 13., 20., 27. Oktober | 3., 10., 24. November | 1., 8., 15. Dezember
Montag, 1. Dezember 2008
im regen ohne schirm
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In den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland(November 2008), versetzt Wolf-Ulrich Klünker, in seinem Artikel ›Christus und die Ruinen‹, den Leser in die Sphäre von Anderzeit 2.
Dienstag, 25. November 2008
moskau-dornach
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Der Berliner Fotograf Achim Hatzius begleitete mit seinen Kameras das Geschehen von ›anderzeit 2‹. Die Arbeiten werden einfließen in die Ausstellung ›Dornach-Moskau‹, die am 27. Februar ihre Vernissage im Haus Duldeck haben wird.
Achim Hatzius
1971 geboren in Rostock | 1994-2000 Diplomstudiengang Fotodesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Professor Hans Hansen | 1999 Stipendium des DAAD, Studienaufenthalt in Moskau | seit 2000 freiberufliche Tätigkeit als Fotograf in Berlin, Auftragsarbeiten für Magazine und Werbung, künstlerische Arbeiten und fotografische Recherchen für Ausstellungen und Publikationen | 2000-2001 künstlerisches Mitglied der Gruppe ›Gruppe18‹ | seit 2001 Teilnahme an internationalen Seminaren und Publikationen im Rahmen der ›Plotki‹ Projektreihe
Ausgewählte Ausstellungen und Publikationen
›n/osztalgia‹ Gruppenausstellung, Collegium Hungaricum Berlin, 2007 | ›Lichtung‹ Einzelausstellung, Kunstverein Frankenberg, 2007 | ›ohne Titel‹ in n/osztalgia – Ways of Revisiting the Socialist Past, 2007 | ›Seltsame Geschichten aus Hoppegarten‹ in Matrose Nr. 1, 2007 | ›Night Shift / Ukraine‹ in Plotki Nr. 7, 2006 | Einzelausstellung, Buccaneer Country Club, Hamburg, 2004 | ›Östlich von 30° O‹ Gruppenausstellung, Fotoforum West, Innsbruck /Österreich, 2002 | ›Bella Vista‹ Gruppenausstellung, Palais für aktuelle Kunst, Glückstadt, 2002 | ›10 Tage Natur‹ Gruppenausstellung, Projektraum, Hamburg, 2001 | ›Halb Neun Kasachstan‹ Gruppenausstellung, Club 8, Hamburg, 2001
Mittwoch, 22. Oktober 2008
Samstag, 11. Oktober 2008
Samstag, 27. September 2008
Samstag, 20. September 2008
Donnerstag, 18. September 2008
das taschenbuch zu anderzeit 2
frisch aus der druckerei 116 seiten text und bild
Text von u. a. Friedrich Hölderlin, Rudolf Steiner, Wolf-Ulrich Klünker, Stefan Brotbeck, Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Johannes Kiersch, Bodo v. Plato, Gottfried Stockmar, Jochen Bockemühl, Christiane Haid, Louis Deféche, Michael Schäfer, Lisbeth, Johannes Nilo, Johann Sommer, Philipp Tok, …
16 Seiten in Farbe, mit Beiträgen von Albert Steffen, Johann Sommer, Stephane Zwahlen, Corinna Holbein, Lisbeth, Christina Gerodetti, …
Inklusive: projekt.zeitung-kalender.texte
Erhalt des Buches nach Tagungsanmeldung.
Direkt bestellen bei benjamin(at)projektzeitung.org
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Sonntag, 14. September 2008
das letzte und grœsste
›Himmelreich auf Erden‹ informierte ein Schild an der Tür des Studentenzimmers von Schelling, Hölderlin und Hegel im Tübinger Stift am Ende des 18. Jahrhunderts. Gegenseitig begrüssten sie sich mit den alten griechischen Worten ἕν καὶ πᾶν [hen kai pan] – Alles ist eins. – 1913 taucht bei einer Auktion ein loses handschriftliches Blatt von Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf. Vier Jahre später wird es veröffentlicht als ›Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus‹ von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Heute findet sich der Text in der Gesamtausgabe von Hegel. Eine Fülle an Abhandlungen über die Zuweisung des Textes zu einem Autor entstanden. In der Zuweisung des Textes zu Johann Christian Friedrich Hölderlin folgen wir der Argumentation Eckehard Försters, die besonders durch die Bezugnahme auf die Motive von Hölderlins ›Hyperion‹ überzeugt. – Der Text beginnt mitten im Satz ›– eine Ethik.‹ Es handelt sich um einen programmatischen Entwurf für ein philosophisches System bzw. eine aus formulierte Gesinnung im Hinblick auf eine zu erschaffende vernünftige Mythologie. – Für den Arbeitskontext von ANDERZEIT II ist die Lebenskraft und Ursprünglichkeit dieses Textes das Auswahlkriterium. Die Vielzahl der möglichen Bezüge sind zunächst dem Leser überlassen. Das Fragment findet sich hier auf Zugänglichkeit und Lesbarkeit hin gekürzt und bearbeitet. Der vollständige Text findet sich in der Hegelgesamtausgabe oder unschwer im Internet.
Friedrich Hölderlin
Einheit der Vernunft und des Herzens – Vielgestalt der Einbildungskraft und der Kunst | Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewußten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus Nichts. – Die Frage ist diese: Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.
So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, daß die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.
Von der Natur komme ich aufs Menschenwerk. Die Idee der Menschheit voran, will ich zeigen, daß es keine Idee vom Staat gibt, weil der Staat etwas Mechanisches ist, so wenig als es eine Idee von einer Maschine gibt. Nur was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee. Wir müssen also auch über den Staat hinaus! – Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.
Ihr seht von selbst, daß hier alle die Ideen, vom ewigen Frieden u.s.w. nur untergeordnete Ideen einer höheren Idee sind: Zugleich will ich hier die Prinzipien für eine Geschichte der Menschheit niederlegen und das ganze elende Menschenwerk von Staat, Verfassung, Regierung, Gesetzgebung bis auf die Haut entblößen. Endlich kommen die Ideen von einer moralischen Welt, Gottheit, Unsterblichkeit, – Umsturz alles Afterglaubens, Verfolgung des Priestertums, das neuerdings Vernunft heuchelt, durch die Vernunft selbst. – Absolute Freiheit aller Geister, die die intellektuelle Welt in sich tragen und weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfen.
Zuletzt die Idee, die alle vereinigt, die Idee der Schönheit, das Wort in höherem platonischen Sinne genommen. Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist und daß Wahrheit und Güte nur in der Schönheit verschwistert sind. Der Philosoph muß ebensoviel ästhetische Kraft besitzen als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere Buchstabenphilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie. Man kann in nichts geistreich sein, selbst über Geschichte kann man nicht geistreich raisonnieren – ohne ästhetischen Sinn. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.
Die Poesie bekommt dadurch eine höhere Würde, sie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrerin der Menschheit; denn es gibt keine Philosophie, keine Geschichte mehr, die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben.
Zu gleicher Zeit hören wir so oft, der große Haufen müsse eine sinnliche Religion haben. Nicht nur der große Haufen, auch der Philosoph bedarf ihrer. Monotheismus der Vernunft und des Herzens, Polytheismus der Einbildungskraft und der Kunst, dies ist‘s, was wir bedürfen!
Zuerst werde ich hier von einer Idee sprechen, die, soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.
Ehe wir die Ideen ästhetisch, das heißt mythologisch machen, haben sie für das Volk kein Interesse; und umgekehrt, ehe die Mythologie vernünftig ist, muß sich der Philosoph ihrer schämen. So müssen endlich Aufgeklärte und Unaufgeklärte sich die Hand reichen, die Mythologie muß philosophisch werden und das Volk vernünftig, und die Philosophie muß mythologisch werden, um die Philosophen sinnlich zu machen. Dann herrscht ewige Einheit unter uns. Nimmer der verachtende Blick, nimmer das blinde Zittern des Volks vor seinen Weisen und Priestern. Dann erst erwartet uns gleiche Ausbildung aller Kräfte, des Einzelnen sowohl als aller Individuen. Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden. Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! – Ein höherer Geist, vom Himmel gesandt, muß diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das letzte, größte Werk der Menschheit sein.
Kürzung und Einleitung von Ph. Tok | Quelle des vollständigen Fragments: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke. Band 1, Frankfurt a. M. 1979, S. 234-237.
Montag, 8. September 2008
sættigt eure seelen
In wütendem Ton fährt Nietzsche seine Betrachtungen über den Wert oder eben Unwert der Geschichte. Nietzsches Überspannen von Zukunft und Vergangenheit tönt wie ein Leitmotiv zur Beantwortung der Frage ›Was ist an der Zeit?‹ – Einen Kampf gegen die lärmende Gegenwart und die lähmenden Historismen will er entfachen mit reifen Seelen, die sich an großen Heldensagen, am Epos gesättigt haben. – Die æsthetischen Phänomene sieht Nietzsche als die eigentliche Quelle der Kultur, übergeordnet jeglicher Wahrheit: ›Nur als æsthetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.‹
Friedrich Nietzsche
Geschichte schreibt der Erfahrene und Ueberlegene. Wer nicht Einiges grösser und höher erlebt hat als Alle, wird auch nichts Grosses und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegenwart werdet ihr ihn verstehen. Man erklärt jetzt die ausserordentlich tiefe und weite Wirkung Delphi‘s besonders daraus, dass die delphischen Priester genaue Kenner des Vergangenen waren; jetzt geziemt sich zu wissen, dass nur der, welcher die Zukunft baut, ein Recht hat, die Vergangenheit zu richten. Dadurch dass ihr vorwärts seht, ein grosses Ziel euch steckt, bändigt ihr zugleich jenen üppigen analytischen Trieb, der euch jetzt die Gegenwart verwüstet und alle Ruhe, alles friedfertige Wachsen und Reifwerden fast unmöglich macht. Zieht um euch den Zaun einer grossen und umfänglichen Hoffnung, eines hoffenden Strebens. Formt in euch ein Bild, dem die Zukunft entsprechen soll, und vergesst den Aberglauben, Epigonen zu sein. Ihr habt genug zu ersinnen und zu erfinden, indem ihr auf jenes zukünftige Leben sinnt; aber fragt nicht bei der Geschichte an, dass sie euch das Wie? das Womit? zeige. Wenn ihr euch dagegen in die Geschichte grosser Männer hineinlebt, so werdet ihr aus ihr ein ober-stes Gebot lernen, reif zu werden, und jenem lähmenden Erziehungsbanne der Zeit zu entfliehen, die ihren Nutzen darin sieht, euch nicht reif werden zu lassen, um euch, die Unreifen, zu beherrschen und auszubeuten. Und wenn ihr nach Biographien verlangt, dann nicht nach jenen mit dem Refrain ›Herr So und So und seine Zeit‹, sondern nach solchen, auf deren Titelblatte es heissen müsste ›ein Kämpfer gegen seine Zeit.‹ Sättigt eure Seelen an Plutarch und wagt es an euch selbst zu glauben, indem ihr an seine Helden glaubt. Mit einem Hundert solcher unmodern erzogener, das heisst reif gewordener und an das Heroische gewöhnter Menschen ist jetzt die ganze lärmende Afterbildung dieser Zeit zum ewigen Schweigen zu bringen.
Friedrich Nietzsche, 1874 ›Unzeitgemässe Betrachtungen, Zweites Stück – Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben‹
Donnerstag, 4. September 2008
der kuenstler hat immer recht
Thomas Rieser
In seinen 16 Jahren unermüdlichen Einsatzes musste der ›Alpine Man‹, Hauptdarsteller in Paul McCarthy’s Installation ›The Garden‹*, viele Male repariert werden. Die konstante Tätigkeit des (wie er auch genannt wird) ›Tree Fuckers‹, ließ sowohl die Technik ausfallen, als auch die Gliedmaßen abfallen. McCarthy hätte die ausrangierten ›Fuckers‹ gerne weiter verwendet: ein neues Kunstwerk, das ›Old Fuckers Senior Home‹ schwebte ihm vor, in dem alle dienstalten ›Alpine Men‹ einen Alterssitz gefunden hätten. Der Eigentümer der Installation konnte an dieser Idee jedoch keinen Gefallen entwickeln, er wollte den originalen ›McCarthy‹ behalten. Der Willen des Sammlers galt, und der Künstler hatte keine Macht über seinen ›McCarthy‹.
Das ›Old Fuckers Senior Home‹ wurde nie gebaut.
Was ist original an einem Kunstwerk? Ist Original das Geschaffene, oder das Entstehende? Die kleine Anekdote von ›The Garden‹ zeigt zwei Horizonte auf. Die Definition des ›Originals‹ wird unmöglich, da sie auf der Perspektive des Argumentierenden beruht. Wenn die Essenz des Originals in diesem Sinne variabel ist, woran entzündet sich dann die ästhetische Erfahrung? Gibt es ein Fundament auf das sie sich bezieht?
In meinem Horizont liegt die ästhetische Erfahrung auf dem Fundament des Potentiellen. Die Möglichkeit, oder auch Fähigkeit eine Möglichkeit zu erkennen und dann zu erleben, führt zu einer Erfahrung die ästhetisch ist. Das Kunstwerk ›The Garden‹ hörte in dem Moment auf Kunst zu sein, in dem der Besitzer dem Künstler verbot es weiterzuführen. Der ›Alpine Man‹ ist ein trauriger ›Fucker‹, das ›Senior Home‹ hätte ihm ein Altern in Würde erlaubt. Die ästhetische Erfahrung liegt in dem Potential der Anekdote, nicht in dem aktuellen Kunstwerk.
*Paul McCarthy, The Garden. 1992. Installation, Collection Jeffrey Deitch, New York, NY.
Montag, 1. September 2008
ein schloß ist kein luxus
Gottfried Stockmar
[…] weil die menschliche Gestalt nicht Natur ist; sie ist nicht Natur! Viele Menschen fühlen sich heute nicht unfrei im Denken - das mag auch sein - die Frage ist aber, kann ich mich frei bewegen, kann ich aufrecht sein in meiner Gestalt? Kann ich angemessen leben und habe ich einen Raum? - übrigens ist auch das ein Motiv, ein Gutshaus zu kaufen […]. Ich habe mich immer gefragt: Wie groß muss eine Tür sein, wo die menschliche Gestalt, ohne sich zu bücken, durchgeht, und wie hoch muss ein Raum sein? Ich glaube nicht, dass kleine Kinder im Märchen irgendwie ein Schloss als Luxus ansehen, sondern das ist sozusagen die angemessene […] der menschlichen Gestalt; man wird nicht untergebracht. Ja, wie gesagt, das ist ein langes Thema!
Auszug aus einem Vortrag während anderzeit 1, Oktober 2007
Montag, 25. August 2008
mein blick formt dich
Christiane Haid
›Mein Blick formt dich‹ ist nur die eine, vielleicht die unangenehmere, provokativere Seite der Medaille. Die andere lautet: Dein Blick formt mich – wir sind also beide am ›formen‹. Jeder kennt die Wirkung, die ein Blick erzeugen kann: er kann uns aufmuntern, tragen, anfeuern, erheitern, wärmen, bekräftigen, aber auch klein machen, abschätzen, bannen, fallenlassen, lähmen, vernichten.
Wer den hoffnungs- und erwartungsvollen Blick eines Menschen kennen gelernt hat – allerdings ohne festgelegtes Ziel und Ergebnis – der einen über Jahre begleitet, wird die Wachstumskraft jenes Blickes erfahren haben: Er wird sich an die kräftigende Macht erinnern, die nicht gekannte Fähigkeiten und Möglichkeiten aus den tiefsten Schichten herausgerufen hat. – Wenn einem dagegen nur Schlechtes zugetraut wird, dann ist das Wachstum möglicherweise gering, es stagniert. Hier sind dann alle vorhandenen Widerstandskräfte aufzubieten, um sich zu schützen oder zu behaupten. Es gilt nun – autonom – sich aus eigenen Kräften zu finden. Doch – stimmt es wirklich, dass der Blick formt?
Wer etwas erzählt oder gar vorträgt, kann die Erfahrung machen, dass es der Blick eines Zuhörers ist, der ihn im Darstellen trägt und dem Inhalt, der vermittelt werden will, sogar Flügel verleihen kann. Hinterher stellt sich heraus, dass man etwas gesagt hat, an das man noch nie vorher gedacht hatte – Neues ist im Dialog mit dem Blick möglich geworden. Wie anders ist es dagegen, wenn die Zuhörer zu Boden blicken...
Was hat der Blick hier für eine Qualität? Wohl mehr die der Tragkraft, des Mitgehens, Hingebens als Formen – wieder eine neue, allerdings ganz andere Facette des Phänomens ›Blick‹.
Was also hat es mit der Kraft des Blickes auf sich? Ist hier überhaupt von Ästhetik die Rede?
Der Basler Philosoph Heinrich Barth (1890-1965) sah im Ästhetischen nicht nur eine Eigenschaft, die für die Erscheinung in Frage kommt. Er legt in seinem Hauptwerk ›Erkenntnis der Existenz‹ dar, dass es in der Erkenntnis des Ästhetischen ›viel mehr um das, was die Erscheinung erst zur Erscheinung macht‹, geht. Man könnte hier denken, dass es sich um ein Wortspiel handelt: ›das, was die Erscheinung erst zur Erscheinung macht‹. Doch wurde eingangs deutlich, dass unser Blick bereits ein formendes Element beinhaltet. Wir haben noch nicht den reinen, unverstellten Blick des Kindes, sondern schauen aus oder mit der Vergangenheit unserer Erfahrungen, Deutungsmuster, Anschauungen, kulturellen Prägungen etc. Von diesen losgelöst erst kann von einem gegenwärtigen Erscheinen der Erscheinung gesprochen werden. Es ist der Augenblick, in dem sich etwas ereignet, – in dem, um es mit Barth zu sagen, ›etwas auf dem Spiel steht‹: das Erscheinen der Erscheinung, womit Æsthetik schlechthin gemeint ist.
Heinrich Barth: ›erscheinenlassen‹, ausgewählte Texte aus Heinrich Barths Hauptwerk ›Erkenntnis der Existenz‹ mit Hinführungen von Rudolf Bind, Georg Maier, und Hans Rudolf Schweizer, Basel 1999
Montag, 18. August 2008
kœnigsblau
Urs Dietler
rauschen iii | æsthetische erfahrung entsteht in der differenz, die zu einem spricht. so auch damals. mit einem klassenkameraden durchstreifte ich auftrags eines offenen schulischen projekts das kunstmuseum basel. es muss mein erster besuch in einer kunstsammlung gewesen sein, kam mir doch alles faszinierend und fremd zugleich vor, selbst die bilder, die sich dem, was ich als realität erlebte, am meisten näherten; denn auch sie zeigten jenen verwandelnden blick, den nur – und hier traf ich sie zum ersten mal – künstler haben. natürlich war holbein präziser als ferdinand léger, aber da war dieses überschreiten in seinen porträts, das mich von da an gesichter anders sehen liess; dass ein mensch über sich hinausweist – er machte es für mich sichtbar. und dennoch.
die erste – sozusagen – æsthetische erfahrung meines lebens widerfuhr mir ein stockwerk höher, stand ich doch da plötzlich vor einem bild, das ich zunächst als bild gar nicht wahrnahm. ein hohes, schlankes rechteck, ganz in einem monochromen blau gehalten, schimmerte in tiefem königsblau gleichsam in die wand hinein. es war mir nicht möglich, an dieser erscheinung einfach vorbeizugehen wie an vielen andern, die ich kopfnickend dem aufseher überliess. trotz der verhaltenheit hatte dieses blau etwas überwältigendes, dem ich nur mit dem gang zum beschriftungsschild etwas distanz – cognitive approaching würde man heute sagen – meinte entgegenzusetzen zu können. doch gerade dies verstärkte das enigmatische dieses ereignisses. ich glaube in nachhinein nicht, daß ich irgendetwas erwartet, aber noch erschüttert mich dies: ›the day before one‹, barnett newman. es war der einzige titel, der mir damals diesem blau, das übrigens in sich sehr differenziert, ja moduliert ist, zumutbar erschien. und ich schwankte zwischen ›das ist es‹ und ›das ist es‹.
zur zeit überlege ich, ob ich diesem bild, das ich seither nicht mehr betrachtet habe, wieder begegnen soll. es hängt noch dort, sagte die frau an der kasse, als ich anrief.
Sonntag, 10. August 2008
leinwand als tür
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Das Magazin für Gegenwartskultur ›goon‹ zeigt in seiner Artikelserie zur Kunst als Schwelle, verwandte Züge zu ANDERZEIT: ›Unter dem Titel ›Schwellenland‹ finden sich an dieser Stelle [goon] von nun an regelmäßig Betrachtungen, Gedanken und Essays zum Charakter der Kunst als Schwelle und damit im Spannungsfeld von Innen und Außen, Ursprung und Sein, Subjekt und Objekt. Hier sollen zeitgenössische und zeitlose Themen aus allen Medien der Künste Anlass geben, sich der Frage nach dem Kern künstlerischen Schaffens und seiner Rezeption jenseits von medien- und genrespezifischen Referenzrahmen zu stellen.‹ Der Eröffnungsbeitrag widmet sich einer Betrachtung zur Rothko Retrospektive in Hamburg.
Fabian Saul
Das zentrale Bild findet sich im Selbstportrait Rothkos aus dem Jahre 1936. Das figürliche, gar distanziert entrückte Sitzporträt eröffnet einen wesentlichen Abstraktionsmoment. Es sind die kalt-blauen Flecken, an der Stelle, wo gewöhnlich Augen in die Welt blicken. Diese großzügig ausgesparten Ovale lassen sich als Brillenrahmen lesen oder aber als blinde Flecken, als Analogie zum weisen Seher Theiresias, als Moment der Selbstentfremdung. Sie stehen im krassen Kontrast zur unspezifischen Figürlichkeit des Körpers.
Der Blick in die Welt wird dem Menschen dort versagt, wo sich die Schwelle zu ihr befindet, in den Augen. …
hier geht es zum vollständigen Artikel
Montag, 4. August 2008
großer abflug
Lisbeth
›Nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.‹
Als ästhetisches Phänomen.
Ästhetik hieß früher einmal das, was zur Erscheinung kommt gegenüber dem, was nicht zur Erscheinung kommt, also im rein Geistigen verbleibt, nicht sinnlich erfahrbar ist.
Die Lehre von den Erscheinungen begrenzte sich später auf einen bestimmten Bereich der Erscheinungen, nämlich auf die schöne Erscheinung, oder, wie Friedrich Schiller in seiner Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschen es nennt, den schönen Schein, was bei ihm freilich nichts zu tun hat mit einer dahinter versteckten Häßlichkeit, sondern gerade mit einer der Idee der Schönheit adäquaten Form.
Seit uns die Begriffe von dem, was schön ist, nichts mehr sind, über das man sich ohne weiteres einigen könnte, ist auch die Ästhetik bzw das Verständnis, das wir von ihr haben, ins Wanken geraten.
Als Erscheinungslehre nutzt sie uns nicht mehr viel, weil wir uns ziemlich abgewöhnt haben, ein Geistiges vorauszusetzen, zu dem die Erscheinung die andere Seite sein könnte.
Als Lehre von der schönen Erscheinung nutzt sie uns ebenso wenig, weil sich niemand dem Vorwurf der romantischen Vergangenheitssehnsucht aussetzen will und das gewollt Schöne oder beabsichtigt Poetische fast vorsätzlich in seichte Phrasen abrutscht und unglaubwürdig das Lied von der besseren Welt anstimmt, von der keiner mehr was hören will, der die notwendige Entzauberung vollzogen hat und in eine verkündigungsbefreite Welt hinein aufgewacht ist.
Wir haben heute existentielle Bodenhaftung.
Die schöne Erscheinung hat die allgemeine Erscheinung überwunden.
Aber von was wird die schöne Erscheinung überwunden? Von ihrer Abschaffung.
Nach der Schönheit kommt, im Sinne Platons gesprochen, der Tod.
Der Tod. Also nichts mehr, was erscheinen könnte.
›Nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.‹
Ist das ästhetische Phänomen nicht mehr geistgetragen noch schönheitbeseelt, was ist es dann, um im Sinne Nietzsches das Dasein und die Welt ewig- als Vergängliches ewig!- rechtfertigen zu können?
Was gibt uns heute auf der Erscheinungsseite das angemessene Gegengewicht zu einer Ewigkeit, aus der wir nicht tatsächlich, wohl aber dem Glauben nach herausgefallen sind?
Die Wahrnehmung. Im Wortsinn.
Die Erscheinung zeigt uns ihr wahres Gesicht nicht mehr ohne unser Zutun, und auch ihr schönes Gesicht schweigt.
Ihre Güte, ihr Wert liegt in der Wahrnehmung.
›Man suche nur nichts hinter den Phänomenen, sie sind selbst die Lehre.‹ Goethe

Zur Sache, zum Ort.
Zu den Kisten. Wenn da Kisten stehen, stehen da blauverpackte Kisten. Kein metaphysisches Dahinter, keine Überbedeutung, kein Mehr.
Müllsäcke nimmt man normalerweise nur, um Müll zu verpacken und möglichst schnell loszuwerden, sich nicht mehr drum zu kümmern. Den Inhalt der Kisten sieht man nicht, er ergibt sich jedoch aus dem Titel der Arbeit, Großer Abflug, von dem der Kleine Auszug, die Dokumentation der letztjährigen Präsentation, ein Bestandteil ist. Wenn alles in der Umgebung statisch und fixiert aussieht, empfiehlt sich Mobilität.
Zu dem Parkplatz. Normalerweise steht hier gar nichts, es handelt sich ja um die Einflugschneise* für diejenigen , die in diesem Haus zwischenlanden wollen. Einflugschneisen darf man eigentlich nicht blockieren- es sei denn, die Abflugfrequenz ist so stark wie heute**.
Zum Format der Grundfläche 70x100. Das Bild paßt nur in diesen Rahmen, daher wird es nie wieder so gezeigt werden wie hier und heute. (…)
So, und mehr gibt s nicht.
*Bewerbungsmappenabgaberaum
**Prüfungstag
Ansprache anläßlich Meisterschülerprüfung UdK Berlin14.07. 2008
Montag, 21. Juli 2008
schau-spielen
Louis Defèche
junger Schauspieler und Regisseur, berichtet aus seiner experimentellen Forschung zur Frage nach dem Wesen des ›Schau-spielens‹.
Ich habe beobachten können, wie der Impuls des Bühnenereignisses rein aus dem Willen entsteht. Das heisst aus dem ›Gehen‹. Nicht aus Gefühlen und Gedanken, die erst in Folge auftreten. Nicht dass Gedanken und Gefühle auf der Bühne nichts zu suchen hätten, aber sie können erst auf der Bühne leben, wenn sie aus reinen Willensimpulsen hervorgehen. Der vor der Bühne sitzende Zuschauer will etwas fühlen und verstehen, aber dieses Verstehen und dieses Fühlen muss als Konsequenz der Willensprozesse erscheinen. Dann wirken Verstehen und Fühlen eigentlich, weil sie nicht nur als Gefühle oder Gedanken auftreten, sondern als Kraft. Ich möchte sagen: die Kraft einer Gedankenform, die Kraft eines lebendigen Gefühls. Sonst muss sich der Zuschauer immer bemühen, in das Bühnenereignis hinein zu kommen, und wird dabei eher Kräfte verlieren statt Kräfte zu bekommen.
Die andere Seite ist die Erzählung, die Bilder, die man zeigen möchte, die man sehen, verstehen, miterleben möchte. Aber diese können nur echt auf der Bühne leben, wenn die angedeutete Grundlage als inneres Verständnis beim Schauspieler da ist, dass alles aus ›Willensstoff‹, aus ›Geh-Impulsen‹ gestaltet sein soll.
Was mich überrascht hat ist, dass die Schauspieler oft versuchen, Gefühle zu schaffen oder Gedanken mitzuteilen. Während das überhaupt nicht das Wichtigste ist. Auch habe ich beobachten können, wie der Zuschauer durch echtes Schauspielen belebt und erweckt wird, indem Kräfte von der Bühne zu ihm herabfließen, und wie er dagegen eher müde und unaufmerksam wird, wenn zu wenig Wille auf der Bühne lebt.
Es ist vielleicht ein bisschen gewagt, was ich da erzähle, und will unbedingt weiter erforscht werden, doch so stehen meine Gedanken im Moment.
[Text bearbeitet von Philipp Tok | Korrektur Lisbeth]












